Saint Aignan Chartres, Frankreich - Das vergessene Juwel

Das vergessene Juwel

Saint Aignan, Chartres Frankreich, Kapelle, Maria Mutter Gottes
Kapelle der Maria, Mutter Gottes hinter dem Chor

Chartres, das ca. eine Autostunde südlich von Paris liegt, hat mehr zu bieten als die übermächtige Kathedrale Notre Dame. Im historischen Viertel, oberhalb der Eure fand ich die Kirche Saint Aignan. Sie ist ein historisches Kleinod, das ein kümmerliches Schattendasein führt.

 

Die kleine Kirche wurde bereits um das Jahr 400 herum errichtet. Im Laufe der Zeit musste sie viel ertragen. Mehrfach wurde ihr eine andere Bestimmung gegeben.


Saint Aignan im Wandel der Zeit

Saint Aignan war unter anderem ein Lazarett, ein Gefängnis, gar als Futterspeicher wurde sie genutzt. Ebenso häufig musste sie restauriert oder wieder aufgebaut werden. Manchmal wurde dabei versucht Altes zu retten. So ist das heute noch genutzte Eingangsportal ein letztes Relikt aus dem 16. Jahrhundert. Erst 1822 wurde sie wieder zu einem Gotteshaus.

Saint Aignan, Chartres Frankreich, Buntglasfenster
Buntglasfenster mit biblischer Darstellung

Trotz des vielen Wandel und der zum Teil widrigen, grob geistigen Nutzung ist Saint Aignan atmosphärisch ein Traum. Schon beim Eintreten in das äußerlich unscheinbare Gebäude empfand ich eine ungewohnte wohlige Wärme. Kirchen wirken auf mich oft distanziert und kühl. Ganz anders war es hier drinnen. Berührend, behaglich und nährend präsentierte sie sich mir. Fast schon zärtlich und intim.

 

Einiges ist im Inneren der Kirche im Original erhalten geblieben. Malereien an Wänden und Decken, wundervolle Fenster, die poetisch Darstellungen inszenieren, Holz- und Steinstatuen von Heiligen, ein schöner, nicht allzu pompöser Altar. Im Gesamtbild wirkt alles sehr zurückhaltend auf mich.

 

Erstaunlicherweise ist dieses Schmuckstück sehr wenig besucht. Ich war vollkommen alleine und freute mich, dass ich dieses wohltuende Ambiente in Ruhe genießen und aufnehmen konnte.

 

Saint Aignan, Chartres Frankreich
Saint Aignan, Chartres Frankreich, Altar

Das Leuchten der Maria

Der Weg meiner Besichtigung führte mich bis hinter den Altar. Erst hier entdeckte ich einen Erker, in dem die Skulptur der Jungfrau Maria, umgeben von Engeln, eingerahmt von kunstvollen Glasfenstern dargestellt ist. Als ich mich ihr näherte, wurde das Bild mit warmen Licht zusätzlich in Szene gesetzt. Das geschah natürlich nicht durch mein inneres Strahlen, sondern durch einen Bewegungsmelder. Vor dieser Kapelle bietet eine alte, mit roten Samt bezogene Bank einen andächtigen Platz für Einkehr und Zwiesprache.

 

Im weiteren Verlauf meines Rundgangs treffe ich auf die üblichen „Verdächtigen“ in einer altertümlichen Kirche: Erzengel Michael, San Joseph, Jesus. Die opulente Orgel hängt hoch oben über dem Eingang unter der reich mit Ornamenten verzierten Holzdecke.

Saint Aignan, Chartres Frankreich, Maria Mutter Gottes
Jungfrau Maria mit Engeln

Leider ist der Innenraum zum Teil schon recht angegriffen. An manchen Stellen bröckeln die Wände, Sand und Kalk rieseln zu Boden. Ganz offensichtlich mangelt es an Geld, um eine nötige Restaurierung zu finanzieren. Sonntags wird die kleine Kapelle trotz allem zur Messe von den Bürgern des Viertels genutzt. Es wäre sehr schade, wenn dieser Schatz aufgegeben wird.

Saint Aignan, Chartres Frankreich
Außenansicht der Kirche Saint Aignan, Chartres

An meinen letzten Nachmittag in Chartres erhielt ich von meinen treuen, unsichtbaren Führern noch ein Abschiedsgeschenk. Zur Mittagszeit legte ich eine Pause ein und verließ Saint Aignan. Als ich zur Kirche zurückkehrte, empfing mich ein zartes Violinen-Spiel. Es war niemand zu sehen, doch die Musik kam eindeutig vom Erker hinter dem Altar, wo sich die Skulptur der Maria befindet. Die Töne erfüllten den ganzen Raum und so lauschte ich eine ganze Weile den Melodien. Während ich die Atmosphäre genoss, stand ich zwischen dem Erzengel Michael und San Joseph. Sie verströmten eine herzliche Energie und badeten mich darin. Es kam mir vor, wie die Gunst eines verborgenen Himmelschores.

 

Schließlich beendete die Violinistin ihr Spiel. Hinter dem Altar kam eine Schülerin oder Studentin hervor und ging auf der anderen Seite zum Ausgang. Ich konnte mich bei ihr leider nicht für dieses Erlebnis bedanken. Erfüllt genoss ich noch einige Momente die Atmosphäre und beendete dankbar meinen Besuch. 

 

Wäre diese wundervolle kleine Kirche in meiner Reichweite, wäre ich wohl sehr oft dort anzutreffen.

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