Schillernde Externsteine

Schillernde Externsteine

- hüllenlos und doch verschwiegen

Externsteine Teutoburger Wald

Schon die Namensherkunft gibt im Grunde genommen Rätsel auf. Wirklich klar ist der Ursprung ihres Namens nicht. Dem Vernehmen nach liegen die Wurzeln in der Ableitung eines Gebirgszuges, dem Eggegebirge und der Vogelart Elster. 1564 wurden die Externsteine noch als Fels der Elstern bezeichnet.

 

Überzeugend erscheint mir dem Wortsinn nach, die Ableitung aus der germanischen Wortwurzel *ag, die ebenfalls als Ursprung vermutet wird. Ag bedeutet so viel wie spitz, kantig, scharf oder Stein. Und genau das beschreibt die Felsgruppierung sehr treffend.

Klar hingegen ist ihre Position: Teutoburger Wald, im Ortsteil Holzhausen von Horn-Bad Meinberg. Bekannter sind die nahe gelegenen Städte Detmold und Paderborn.

Entstehung und Historie

Vor circa 70-110 Mio. Jahren schichtete sich diese Felsformation durch einen Drift der Afrikanischen Erdplatte auf. Millionen Jahre formten die Sandsteinfelsen zu den mysteriösen Gebilden, die heute jährlich zwischen 500.000 und 1 Mio. Besucher anlocken.

 

Menschliche Spuren lassen sich bis etwa 10.000 vor Christus zurückverfolgen. Angeblich waren hier Berühmtheiten wie der Römische Feldherr Varus (9 n. Chr., bekannt durch die Varusschlacht) und Karl der Große circa 772 n. Chr., der mir auch in Lourdes begegnete. Sogar dem Teufel persönlich sagt man nach, dass er hier war. Ihm waren Christen ein Dorn im Auge. Freundlicher war da sicher der Besuch von J.W. von Goethe. 

Die schlichten Schönheiten mussten in ihrer langen Zeit allerlei Interessen dienen, und haben sie alle überstanden. Ein Jagdschloss des Adels befand sich hier ebenso wie eine Handelsstraße. Ein Naherholungsgebiet, wie es aktuell eines ist, gab es bereits Anfang des 19. Jahrhunderts. Zur Verschönerung des Naturparks wurde damals extra ein See gestaut. Sogar eine Straßenbahn hatte hier von 1912 bis 1935 eine Haltestelle und durchquerte die Felsen auf dem Weg von Detmold nach Paderborn.

 

Während der NS-Zeit bemühten sich linientreue Forscher sehr darum, die „geistige Weltherrschaft des Germanentums“ anhand der Externsteine nachzuweisen. 1937 wurden sie gar zum germanischen Heiligtum erklärt. Belastbare Beweise für die Anwesenheit der Germanen wurden jedoch nie gefunden.

 

Die nachhaltigsten Spuren haben Christen des Mittelalters hinterlassen.

 

Es scheint fast, als ob jede weltliche, religiöse oder esoterische Orientierung versucht hat, die Steine für sich in Anspruch zu nehmen. Denn auch Esoteriker nutz(t)en diesen Ort gerne als Kraftort. Feiern zu Walpurgisnacht und Sommersonnenwende sind mittlerweile etabliert.

 

Diese atypische Vielfalt zog mich an. Neugierig machten mich auch Erzählungen und Berichte über diesen Ort als Kraftplatz und Schilderungen zu Vernetzungen über Energielinien (Ley lines) mit anderen mystischen Kraftorten wie Stonehenge, dem Olymp und der Cheopspyramide.

Entdecken der Steine

Mitte März reise ich zu einer ruhigen Zeit an. Besucher kommen nur vereinzelt. Die letzten Tage waren Stürme durchs Land gezogen und Frau Holle hatte noch einmal ihre Decke geschüttelt.

 

Der kürzeste Weg vom Hotel führte mich zu Fuß durch den verschneiten Wald. Der Sturm hatte Bäume umgestürzt, Wege versperrt und neue Hohlwege unter dem Geäst der umgestürzten Bäume erschaffen. Schon das Wandern auf diesen Pfaden kreierte eine gewisse Mystik und schaffte in mir eine Verbindung zu diesem Landstrich.

 

Nach rund zwei Dritteln des Weges ließ der Wald erste zaghafte Blicke auf die Felsformation zu. Seitlich an einen See angrenzend, ragen sie auf einer großen Lichtung bis über 40 m in die Höhe. Ihre raue Schönheit ließ sich schon hier erahnen.

Externsteine Teutoburger Wald
Externsteine Teutoburger Wald
Externsteine Teutoburger Wald

Kurze Zeit später trat ich vor dieses Millionen Jahre alte und durch die Elemente gestaltete Monument. Wie eine natürliche Wand trennen die Externsteine die Landschaft. Angesichts ihres Wollsackaufbaus wirken sie auf mich zwar rau, aber nicht schroff, vielleicht ein wenig kühl.

 

Je näher ich der Felsformation komme, desto mehr habe ich das Gefühl, dass sich die Atmosphäre verdichtet. Es fühlt sich ein wenig an, als ob ich in unsichtbaren Nebel hineinlaufe.

 

Nachdem ich das Panorama ein wenig auf mich wirken gelassen hatte, machte mich auf, die Einzelheiten der Felsgruppe zu erkunden. Mindestens 13 Felsen gehören zur Formation, doch das Ziel der Ausflügler sind meist nur die fünf „herausragenden“. Zwei kann man von März bis November über in den Fels gehauene Treppen besteigen.

Fracksausen am Grottenfels

Um am Gipfelplateau Energieströmen nachzuspüren, begann ich meinen Aufstieg am Grottenfels. Als ich über das mittlere Plateau hinaus kam und die außen am Gestein liegende Treppe weiter hinauf schritt, stritten sich mein Wunsch den Gipfel zu erreichen und auftretende Höhenangst um die einzuschlagende Richtung – weiter rauf oder wieder runter? Das Hasenherz siegte. Wenn es denn intensive Stellen oben gibt, … Immerhin konnte ich beobachten, dass auch andere ihre Kämpfe ausfochten. ;-)

Insgesamt sind mir an den Felsen und im Umfeld keine weiteren markanten Plätze aufgefallen. Lediglich die bereits erwähnte verdichtete Atmosphäre war für mich spürbar. Etwas wirkte auf mich trotzdem auffällig. Mir schienen die Besucher an diesem Ort freundlicher, gelassener und vielleicht sogar fröhlicher, als abseits des Geländes. Ohne sich zu kennen, grüßten sich allerorts die Menschen, boten ungefragt Hilfe für Fotos an und kamen miteinander ins Gespräch. Im Umland empfand ich es eher, wie ich es aus der Großstadt kenne, – man geht mehr oder weniger seines Weges.

Das Kreuzabnahmerelief

Erst spät in der Geschichte der Externsteine, begannen Menschen sie handwerklich zu bearbeiten. Wann genau die künstlich erschaffenen Höhlen, Grotten und das Felsengrab entstanden sind, ließ sich bisher nicht taxieren. Sie werden auf die Zeit von Mitte des 6. Jahrhunderts bis ca. 1425 (+-) datiert.

 

Etwa aus der Zeit zwischen 1130 und 1160 stammt ein bildhauerisches Kunstwerk am Grottenfels. Das Kreuzabnahmerelief. Es war der Grund, warum die Externsteine zu einem christlichen Wallfahrtsort wurden. Die 6x4 m große Darstellung der Abnahme Jesu vom Kreuz gilt als die älteste aus massiven Fels gehauene Steinmetzplastik nördlich der Alpen. 

Das Gesamtgefüge aus Höhenkammer im Turmfels, Kreuzabnahmerelief, Hauptgrotte und Felsengrab wurden als „Heilig-Grab-Ensemble“ gedeutet. Das Felsengrab soll symbolisch für das Grab Christi und die Hauptgrotte für die Kreuzauffindungsgrotte stehen, die Höhenkammer soll den Berg Golgatha, dem Ort der Kreuzigung repräsentieren. Im Mittelalter wurden nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem Abbilder der Grabstätte Jesu angefertigt. Sie dienten ersatzweise den Menschen als Pilgerort, die nicht nach Jerusalem reisen konnten.

 

Die Mystik der Steine hat durch die Handwerkskunst eher gewonnen als gelitten. Wozu die Kammern, Altäre und Anlagen konkret und wahrhaftig dienten, wurde nie eindeutig geklärt. Spiritualität und Wissenschaft (Astronomie) stehen gleichermaßen in Verdacht.

Externsteine Teutoburger Wald, Höhenkammer
Höhenkammer
Externsteine Teutoburger Wald, Felsengrab
Felsengrab
Externsteine Teutoburger Wald, Felsengrab
Felsengrab

Mystische Erfahrung

So vielfältig sich verschiedene Kulturen bemächtigten, so facettenreich zeigt sich die Ausstrahlung der Felshünen. Je nach Wetter und Licht weben sie ihr Charisma in die Natur. Früh morgens fing ich im Vorübergehen einen Satz zweier Damen auf ihrem Hundespaziergang auf: „Heute sehen sie bedrohlich aus.“ 

Am selben Abend zeigten sich die Externsteine noch einmal von ihrer mystischen Seite. Zur blauen Stunde saß ich in einiger Entfernung zu den Felsen auf einer Bank. Vor dem Massiv fand sich eine kleine Gruppe ein und entzündete ein seichtes Feuer. Es war fast schon dunkel, als das Spiel einer mittelalterlichen Flöte erklang – die Grotte als Resonanzverstärker nutzend. Einige Minuten später folgten die tiefen, erdigen Töne eines Didgeridoos. Abschließend wurde noch eine schamanische Trommel geschlagen, deren rhythmische Schläge pulsierten. Gleichzeitig rief im nahe gelegenen Wald ein Kauz sein magisches „hu huu, hu huu“. Der aufgehende Mond strahlte bereits sein silbernes Licht in die nahe Nacht. Wäre jetzt noch ein einsamer Wolf vorsichtig um die Felsen geschlichen, hätte ich mich gänzlich in einer Szene aus „Der mit dem Wolf tanzt“ gewähnt.

 

In mir reifte die Erkenntnis, dass genau diese Momente so unterschiedlicher Kulturen und Epochen die Externsteine ausmachen. Sie lassen sich nicht für einzelne Interessen einfangen, sondern sind losgelöst und universell. Jeder möge empfangen, was er oder sie benötigt – sie sind bereit.

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Kommentare: 3
  • #1

    Bine (Freitag, 01 Juni 2018 20:07)

    Wieder einmal sehr lebendig und bildhaft geschrieben. Man fühlt sich fast, als wäre man dabei gewesen.

  • #2

    Sonja (Samstag, 02 Juni 2018 11:39)

    Tolle Fotos und spannende Beschreibungen....komisch, dass ich vorher noch gar nicht davon gehört habe....hat etwas Mystisches und Geheimnisvolles!

  • #3

    Lars (Sonntag, 03 Juni 2018 08:27)

    Lieber Sönke, kurzweilig, einfühlsam und auch spannend. Du nimmst mich richtig mit auf Deine Reise. Macht Spaß Deine Reiseberichte zu lesen. Herzliche Grüße Lars